Franz Sales Haus · Jahresbericht 2018

Wohnen

Ein Zuhause zum Wohlfühlen und individuelle Unterstützung erhalten Kinder und Erwachsene in verschiedenen Wohnformen.

Selbstständig sein

Kaum etwas ist persönlicher als die eigenen vier Wände. Ob WG-Zimmer oder eigene Wohnung: Den privaten Raum richtet sich jeder nach seinem Geschmack ein – der eine mit mehr, der andere mit weniger Unterstützung durch die Mitarbeiter des Franz Sales Hauses. Sie gehen auf jeden Menschen ein, um Alltag und Freizeit lebenswert zu gestalten.

Vorbereitung auf das Bundesteilhabegesetz

Mehr Selbstbestimmung, Personenzentrierung und neue Leistungsstrukturen – die Grundzüge des BTHG geben eine klare und gute Richtung vor. Die einzelnen Aspekte in den Angeboten des gemeinschaftlichen und des eigenverantwortlichen Wohnens konkret umzusetzen, bedeutet für uns und alle Einrichtungen, die verschiedene Wohnformen für Menschen mit Behinderung anbieten, eine große Herausforderung. Denn auch mehrere Jahre nach der Verabschiedung des Gesetzes bleiben für die Umsetzung viele Fragen offen, gerade auch im Hinblick auf die Trennung von Fach- und existenzsichernden Leistungen.

Im Juli 2018 wurde das Ausführungsgesetz zum BTHG für Nordrhein-Westfalen beschlossen, das die Umsetzung des Bundesgesetzes näher beschreibt. Es legt fest, dass die Zuständigkeit für die Fachleistungen der Eingliederungshilfe (SGB IX) bei den beiden Landschaftsverbänden Rheinland (LVR) und Westfalen-Lippe (LWL) liegt. Für die existenzsichernden Leistungen sind die jeweiligen Kommunen zuständig. Bevor nun einzelne Einrichtungen wie das Franz Sales Haus mit dem Landschaftsverband konkret über die künftige Vergütung von Leistungen verhandeln können, müssen die sogenannten Landesrahmenverträge ausgehandelt werden.

Bei dem komplexen Verfahren, an dem viele Akteure beteiligt sind, ist es zu erheblichen Verzögerungen gekommen. Dennoch galt es natürlich, die Vorbereitungen auf den anstehenden Umstellungsprozess voranzutreiben. Dazu gab es unter anderem Mitarbeiter-Workshops, Gespräche mit verschiedenen Akteuren und umfassende Projektplanungen für einzelne Umsetzungsschritte. Wir haben geprüft, was Software-Lösungen beispielsweise für Dokumentation und Gebäudeverwaltung künftig leisten und wie Verträge mit unseren Klienten in Zukunft aussehen können. Gleichzeitig haben wir zahlreiche Daten erhoben, die für die neu gestalteten Mietverträge gebraucht werden. Auch 2019 werden uns die zahlreichen Umstellungen im Zusammenhang mit dem BTHG stark fordern. Auf der jetzt erarbeiteten Basis sehen wir uns dafür gut aufgestellt, auch wenn weiterhin einige Fragen offen sind.

Besonders betreut

Die Tagesstrukturierende Maßnahme „LOFT“ („Leben, Orientierung, Fordern, Teilhaben“) konnte im Juli 2018 ihr zehnjähriges Bestehen mit einem kleinen Fest feiern. Das Angebot hat einen stabilen Rahmen für Menschen mit Behinderung geschaffen, die sich vor allem aufgrund ihrer besonderen Verhaltensweisen in einem anderen Umfeld oft schwertun. Im LOFT werden sie von konstanten Bezugspersonen und gleichbleibenden Strukturen begleitet. Die Mitarbeiter können auf Ängste, Aggressionen oder Zwänge angemessen und kompetent eingehen. Dadurch können die Teilnehmer hier ihre Besonderheiten leben und in kleinen Schritten lernen, sich in ihrem Wohnumfeld und in neue Gemeinschaften zu integrieren.  Innerhalb von zehn Jahren haben sich die Anzahl der Plätze und die Betreuungszeiten des LOFT verdoppelt. Durch das Angebot ist es gelungen, 14 Teilnehmern eine Ergänzung zum Lebensraum Wohnen zu ermöglichen. An fünf Vormittagen und drei Nachmittagen in der Woche werden sie im LOFT individuell nach ihren Möglichkeiten und Bedarfen betreut.

Anfang

2020

tritt die nächste Stufe des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) in Kraft. Die Vorbereitung darauf ist eine Herausforderung, da es noch erhebliche Unklarheiten bei der Umsetzung des Gesetzes gibt.

Aktive Partizipation

Die individuelle Hilfeplanung und Unterstützung ist immer dann besonders passgenau, wenn sich die Menschen mit Behinderung selbst einbringen können. Deshalb setzen wir darauf, sie aktiv zu beteiligen. Fallbezogen wirken regelmäßige Helferkonferenzen und Klienten-Parlamente unterstützend an der Planung von Zielen mit. Dabei geht es zum einen um lebenspraktische Kompetenzen, zum anderen aber auch um das Erlernen und Einhalten von Strukturen und Regeln.

Dabei spielt die Bindungsarbeit eine zentrale Rolle. Besondere Schwerpunkte unserer pädagogischen Arbeit bilden die psychosoziale und emotionale Unterstützung unserer Klienten sowie ein wachsender Bedarf an pflegerischer Versorgung, der sich aus alters- und auch aus behinderungsbedingten Veränderungen ergibt.

Eine besonders aktive Rolle nehmen die Klienten des Ambulant Betreuten Wohnens im Rahmen des Peer Support ein. Inzwischen gibt es eine große Vielfalt für alle, die sich miteinander und füreinander zu verschiedenen Themen engagieren möchten. Auf viel Interesse stoßen insbesondere Angebote rund um die Umsetzung des BTHG. Ob beim Besuch einer Infoveranstaltung in leichter Sprache oder bei unseren regelmäßigen Angeboten wie dem „Sonntagsbrunch“ oder den Treffen des Klienten-Rats: Auf allen Ebenen nutzen die Interessenten gern die Gelegenheit, sich zum BTHG auf den neusten Stand zu bringen und sich zu offenen Fragen auszutauschen. Damit schaffen sie die Voraussetzung für die größere Eigenständigkeit und Selbstbestimmung, auf die das Gesetz abzielt. Die Fachberatung nimmt dabei eine unterstützende und moderiende Rolle ein.

Auch die Gruppe der „Stadtteilentdecker“ ist im Rahmen des Peer Support aktiv. Sie hat mit großem Engagement ihr Umfeld erkundet und den gemeinsam erarbeiteten Stadtteilführer „Huttrop und Südostviertel auf einen Blick“ veröffentlicht. Das Heft enthält Informationen und Fotos zu Sehenswürdigkeiten, Einkaufsmöglichkeiten, Apotheken, Freizeitangeboten, Ärzten, Kirchen und weiteren interessanten Orten im Sozialraum. Jeder Klient hat sich mit seinen Stärken eingebracht und seinen ganz eigenen Beitrag zu der Broschüre geleistet.

Seit Januar 2018 gibt es die ehrenamtliche Gottesdienstbegleitung von Klienten für Klienten, die mit Unterstützung der Mitarbeiter aus Fachberatung und Seelsorge implementiert wurde. 13 Interessenten aus eigenständigen und gemeinschaftlichen Wohnformen nahmen an einer kleinen Schulung teil und begleiten nun regelmäßig Bewohner verschiedener Wohngruppen auf dem Weg zur Sonntagsmesse in unserer Kirche und natürlich auch wieder zurück. Durch die Übernahme dieser verantwortungsvollen Aufgabe stärken die ehrenamtlichen Begleiter ihr Selbstbewusstsein, helfen ihren Mitmenschen und nehmen die Anerkennung aller Beteiligten als positiven Effekt mit in ihren Alltag. 

Eine besondere Sensibilität und individuelle Unterstützung bietet das neue Angebot einer Trauergruppe. Die Veranstaltungsreihe bestand aus insgesamt sechs Treffen unter dem Motto „Gute Zeiten, schlechte Zeiten – gemeinsam stark durch die Zeit der Trauer“. Gerade für Menschen, die in ihrer Kommunikationsfähigkeit stark eingeschränkt sind, ist die seelische Belastung beim Verlust eines geliebten Menschen schwer auszudrücken und deshalb besonders hoch. Die Gruppe schafft Zeit und Raum dafür, gemeinsam mit anderen Trauernden durch pädagogisch-seelsorgerische Hilfe Entlastung zu finden und sich gegenseitig zu stärken. Da sich die Trauergruppe als gute Unterstützung zur Verbesserung der Lebensqualität der Teilnehmer erwiesen hat, wird das Angebot auch im kommenden Jahr fortgesetzt.

Personal & Technik

Angesichts der sich verändernden Anforderungen an unsere Mitarbeiter gehört es auch zu unseren  Aufgaben, ihnen durch verschiedene Angebote den Rücken zu stärken. Fortbildungen, Fall- und Teamsupervisionen geben Handlungssicherheit und sichern gleichzeitig die Qualität der Betreuung und die Umsetzung fachgerechter Konzepte. Einen besonderen Fokus haben wir 2018 auf das Thema Achtsamkeit gelegt und die Mitarbeiter dafür sensibilisiert, mit Blick auf die Klienten, aber auch auf sich selbst achtsam zu sein. Denn nur wer achtsam mit sich selbst umgeht, kann auch andere gut unterstützen. Dieses Konzept soll die Förderung der Menschen mit Behinderung stärken und aktiv die Gesundheit der Mitarbeiter verbessern.

Vor dem Hintergrund des BTHG ist eine immer flexiblere Personaleinsatzplanung erforderlich. Hilfreich dabei ist unter anderem ein optimierter Software-Einsatz. Allerdings bleibt es grundsätzlich problematisch, dass die zur optimalen individuellen Bedarfsdeckung der Klienten notwendige Flexibilisierung oft an arbeitsrechtliche Grenzen stößt. Hier gilt es, konsequent weiter nach den besten Lösungen zu suchen. Die Digitalisierung der Klientenakten ist größtenteils umgesetzt und hat den Vorteil, dass Informationen schneller und genauer zur Verfügung stehen. Allerdings führt die Umstellung auf ein rein digitales Verfahren für die pädagogischen Mitarbeiter zu deutlich mehr PC-Arbeit. Auch hier sind wir gefordert, gute Lösungen für alle Beteiligten zu finden.

60 Seiten voller nützlicher Informationen zu 47 interessanten Orten in der Umgebung bietet der Stadtteilführer, den die „Stadtteilent­decker“ aus dem ABW erarbeitet und veröffentlicht haben.

Aktuelle Projekte

Das Franz Sales Haus setzt in allen Bereichen auf aktive Prävention, um Menschen mit Behinderung vor Missbrauch und sexuellen Übergriffen zu schützen. Dazu gehört auch die Beteiligung am bundesweiten Modellprojekt „BeSt – Beraten & Stärken“, bei dem Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt stehen. Zu dem Projekt, das bis 2020 in mehr als 80 Einrichtungen der Behinderten- /Kinder- und Jugendhilfe bundesweit realisiert wird, gehören verschiedene Maßnahmen. In diesem Rahmen haben im Franz Sales Haus rund 20 Mitarbeiter an einer Fortbildung zur Sensibilisierung und Qualifizierung zum Thema sexualisierte Gewalt teilgenommen. Vermittelt wurden neben aktuellem Fachwissen vor allem konkrete, alltagstaugliche Handlungskompetenzen rund um Themen wie Rollenbilder, Kinderrechte oder Nähe und Distanz. Darüber hinaus nahmen rund 20 Kinder und Jugendliche an einem Präventionstraining teil, bei dem sie altersgerechte Informationen und Handlungsmöglichkeiten zu verschiedenen Aspekten rund um Sexualität und Gewalt erhielten. Ein weiterer Baustein des Projekts ist das Konzept „Sexuelle Selbstbestimmung“, das eine Arbeitsgruppe für das gesamte Franz Sales Haus erstellt hat und das die bereits bestehende Präventionsordnung ergänzt. Zudem stehen mehrere Präventionsfachkräfte in verschiedenen Bereichen des Franz Sales Hauses als Ansprechpartner zur Verfügung, an die sich Klienten und Beschäftigte wenden können. Ein Flyer in einfacher Sprache informiert über dieses Angebot und die entsprechenden Kontaktdaten.

Modellprojekt „BeSt“

„BeSt“ ist ein Modellprojekt der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung e.V. (DGfPI) in Kooperation mit verschiedenen Fachstellen – beratender Partner für das Franz Sales Haus ist der Zartbitter Münster e. V. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. 

Gezielt geschult

Im Rahmen des Caritas-Projekts „D_MENZ verstehen“ haben 2018 einige Bewohner aus dem Haus Edith Stein über mehrere Monate an einem Bildungskurs teilgenommen. Unter dem Motto „Älter-Werden ist nichts für Feiglinge“ setzten sie sich bei wöchentlichen Treffen mit ihrer eigenen Biografie, den Auswirkungen des Alterns und mit dem Krankheitsbild der Demenz auseinander. Im Austausch mit den zwei Kursleiterinnen der Caritas wurden die Teilnehmer spielerisch an die teilweise schwierigen Themen herangeführt. In Rollenspielen konnten sie ihre neu gewonnenen Erkenntnisse vertiefen und den Umgang mit Demenzkranken „trainieren“. Das Projekt hat die Bewohner sehr berührt und sie zu Experten gemacht, die nun ihr Wissen und ihre Erfahrungen in ihren Wohngruppen weitergeben können. Außerdem sollen auch die Mitarbeiter zu Alter und Demenz bei Menschen mit Behinderung geschult werden, damit sie in Zukunft selbst Kurse zu diesem Thema anbieten können.

Die Mitarbeit im Caritas-Projekt „Demenz verstehen“, an dem das Franz Sales Haus mit fünf weiteren Einrichtungen aus dem Bistum Essen beteiligt ist, stellt sich als sehr interessant und hilfreich für unsere Arbeit dar. Da auch Menschen mit Behinderung immer älter werden, gibt es immer mehr von ihnen, die unter entsprechenden demenziellen Problemen leiden. Das stellt sie selbst und auch ihre Betreuungskräfte vor neue Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund soll das Projekt allen Beteiligten mehr Sicherheit geben und inklusive Beteiligungsformen für ältere Menschen mit einer geistigen Behinderung entwickeln. Der dazu angebotene Bildungskurs wurde erfolgreich implementiert (siehe Kasten oben).

Um einen Krankenhausaufenthalt für Menschen mit Behinderung gut gestalten zu können, hat das Franz Sales Haus eine enge Kooperation mit dem Elisabeth-Krankenhaus Essen gestartet. Schließlich ist ein solcher Aufenthalt für jeden Menschen eine Ausnahmesituation, erst recht für Patienten mit Handicap. Verschiedene Maßnahmen erarbeiten die Partner gemeinsam und setzen sie um – ob es um den Informationsfluss, das Wissen um Besonderheiten eines Menschen oder die Analyse durch Fallbesprechungen geht. Ziele der Zusammenarbeit sind die optimale Gestaltung des Krankenhausaufenthalts sowie die Verbesserung der Vor- und Nachbereitung, um den Heilungsverlauf insgesamt positiv zu unterstützen.

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Module zu unterschiedlichen Themen umfasste der Bildungskurs zur Demenz. Insgesamt leiden in Deutschland rund 1,7 Mio. Menschen an demenziellen Erkrankungen.

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